Routine kehrt zurück

Hallo Karlo,

inzwischen ist bei uns wieder eine gewisse Bord-Routine eingekehrt und ich komme dazu, mich in meiner Freiwache wieder schriftstellerisch zu betätigen.

Wir haben einige ereignisreiche, teilweise aufregende Tage hinter uns und befinden uns nun auf einer „Motorboot-Fahrt“ nach Flores, das wir aller Voraussicht nach am Montag erreichen werden.

Angefangen hat alles am Dienstag-Nachmittag, als wir mit ausgebaumter Genua bei herrlichem Sonnenschein unserem Ziel zustrebten. Eine kurze Gewitterbö veranlasste uns, den Baum wieder weg zu nehmen, die flotte Fahrt ging weiter. Die Wetterprognosen waren in unserem Sinne.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte uns, während wir außer dem aktuellen Rudergänger Werner unter Deck beim Abendbrot waren, eine weitere Bö. Wir eilten an Deck um die Genua zu bergen. Nach fünf Umdrehungen war Schluss – keine Chance, das Tuch weiter zu verkleinern. Auch ein geordnetes Bergen des Großsegels wurde unmöglich, da beim in den Wind Gehen das wild schlagende Vorsegel einen Aufenthalt am Mast unmöglich machte und das Segel von alleine nur bis etwa zur Hälfte runterkommt. Inzwischen hatte der Wind auf über 30 kn, kurzzeitig bis 40 kn zugelegt und gleichzeitig gedreht, so dass sich ein widerlicher Seegang aufgebaut hatte. Uns blieb nur die Möglichkeit, vor dem Wind abzulaufen.

Dann stellten wir fest, dass das Vorstag am Mast-Topp gebrochen war und der Mast herunter zu kommen drohte. Das hätte für das Schiff das Ende bedeuten können. In dieser Situation löste ich einen Seenot-Alarm aus. Nach Rücksprache mit Jens, der mit dem MRCC Bremen gesprochen hatte, war klar, dass ein Einsatz der Seenot-Retter Abbergen der Crew und Aufgabe des Schiffes bedeutet hätte. Nach interner Beratung war uns klar, dass wir das keinesfalls wollten. Als erstes sicherten wir den Mast, der offensichtlich nur noch durch das Genua-Fall gehalten wurde, durch das Spi-Fall, das Lena auf dem Bauch nach vorne kriechend am Ankerbeschlag befestigte und das wir dann steif durchsetzten. Damit war die größte Gefahr beseitigt und ich konnte den Seenot-Alarm canclen.

Es blieb die weiterhin um sich schlagende Genua. Lena kam der rettende Einfall, das Segel mit einer Reihleine von oben beginnend ein zu binden. Nach kurzer Besprechung schritt sie dann zusammen mit Wilfried zur Tat. Sie verwendeten den Topnant als Reihleine und es gelang ihnen schließlich – Lena auf dem Vorschiff auf dem Rücken liegend, Wilfried festgekeilt im Vorluk – durch eine kreative Wurftechnik die Leine spiralförmig um das Segel zu binden. Nach drei Stunden harter Arbeit war es geschafft, das Segel unter Kontrolle.

Während der gesamten Zeit der Arbeiten versuchte ich das Schiff so auf Kurs zu halten, dass das möglichst wenig stampfte und das Vorschiff nicht ständig von überkommender See heimgesucht wurde, dennoch blieben die beiden Arbeiter von Seewasser-Duschen nicht verschont. Werner war während der gesamten Zeit als Kontaktmann zwischen Vorschiff und Steuerstand unterwegs, da eine direkte Ansprache wegen der brüllenden See nicht möglich war; zudem versorgte er die Vorschiffleute mit erforderlichen Materialien und ordnete unter Deck die Reihleine, damit oben Alles glatt lief.

Nun konnten wir – allerdings nur noch mit Maschinenkraft wieder auf Kurs gehen. Als einzige Sorge blieb uns nun die Frage: wie lange reicht der Sprit, von wem bekommen wir auf hoher See Dieselkraftstoff zur Ergänzung unserer Bestände?

Doch darüber morgen mehr. Jetzt muss ich in den Kampf mit der bockenden Technik, um diesen Bericht noch los zu werden und auch noch eine Mütze Schlaf zu nehmen, bevor um 18:00 Uhr meine Wache losgeht.

Gruß

Norbert und Crew

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