Lost in Utklippan

Von Jens Weidling

Dieser Törn liegt zwar nun schon ein paar Jahre zurück, aber viele Erlebnisse dieses Törns sind den Teilnehmern, die 1998 dabei waren, bis heute noch sehr gut in Erinnerung. Es war die zweite Etappe unseres Vereinstörns und sollte unsere »Heide-Witzka« Anfang Mai von Sassnitz/Rügen nach Südschweden führen. 1998 waren wir noch mit unserer guten alten »Heide-Witzka« 1, einer Cometone 1010 unterwegs, einem gutmütig segelnden Schiff aus italienischem Werftbau, mit nicht nur einer Bibel an Bord.


Die Crew setzte sich zusammen aus einer Handvoll mehr oder weniger verwegener Segler, die ich als Skipper allesamt shangheit hatte. Da waren zum einen Ulrich Stolz und Heiner Subei, die immerhin schon die eine oder andere Fahrt mit mir gemacht hatten und zum anderen Erwin Vossler und Eberhard Studtfeld, die bislang noch keinerlei Segelerfahrungen gesammelt hatten.

Vorgenommen hatten wir uns, einen entspannten Törn, ohne Gehetze, dafür aber mit vielen Besuchen von urigen Hafenkneipen und schönen Fischrestaurants. Daraufhin wurde dann auch gleich der gesamte Proviant-Einkauf eingestellt, also möglichst wenig unnötiger Ballast. Zielhafen sollte Karlskrona am Ostausgang der Hanø-Bucht sein. Die »Heide-Witzka« haben wir am Samstag in einem tadellosen Zustand von unserer Vorgänger-Crew übernommen, unser Gepäck und den wenigen Proviant schnell verstaut, um dann am Abend im Hafen von Sassnitz in geselliger Runde die Pläne für unseren Törn bei ein bis zwei Bierchen zu besprechen. Da das Wetter am Abend nicht so wirklich schön war und es auch ganz ordentlich windete, kamen schnell die üblichen Sprüche auf wie »Segeln, die teuerste Art unbequem zu reisen« oder »Segeln – das ist wie unter der kalten Dusche stehen und – damals noch – 50,- DM-Scheine zerreißen.« Ja ja, nach der uns bevorstehenden Woche sollte uns allen klar sein, dass es durchaus noch wesentlich blöder und unangenehmer werden kann ...

Sonntagmorgen, früh raus, Wetterbericht mit West 6 abnehmend 5, der perfekte Wind für eine Rauschefahrt nach Bornholm. Ich weise die Crew vor dem Auslaufen ein, Schwerwetterzeug, Schwimmwesten sind Pflicht, weise aber auch noch darauf hin, dass insbesondere Entsorgungsfragen möglichst vollständig vor dem Auslaufen zu erledigen sind, da aufgrund der zu erwartenden Wellen jegliche Form der WC-Nutzung unterwegs nicht möglich sein wird.

Wir kommen gut voran, herrlicher Raumschots-Kurs, nur leider gar nicht abnehmend, dafür ordentlich zunehmend. Zwei Stunden nach Auslaufen empfangen wir die ersten Sturmwarnungen – West 8. Umkehren und gegen an zurück nach Sassnitz kommt nicht mehr in Frage, wir gehen durch und erleben aufgrund der großen Wassertiefe im Seegebiet Bornholm Wellenhöhen die durchaus respekteinflößend sind.

…und nun kommt die Geschichte mit dem Entsorgen dazu: Wer jemals in einem Schwerwetter-Overall steckend furchtbaren Blasendruck erlebt hat, das ganze begleitet von 5 – 6 m hohen Wellen, der ahnt, welche Dramen sich da abspielen können.


Nun denn – unser Crew-Mitglied Ulrich war sozusagen am Ende. Nach langen Diskussionen hat sich als praktikabelste Lösung das assistierte Pinkeln im Niedergang ergeben, wobei die Pütz gute Dienste leistete. Soweit so gut, nur schlecht, wenn dann einer der Assistenten die Pütz achteraus nach Luv zu entleeren versucht, da haben dann alle was davon ...


Ansonsten verlief die Fahrt ganz hervorragend mit Spitzengeschwindigkeiten von über 10 Knoten, wenn es denn mal wieder die Welle bergab ging. Abends in Lee der Insel Bornholm im Fischereihafen Nexø eingelaufen und an einem geschützten Liegeplatz sicher festgemacht.

Leider hatte die Gastronomie-Szene von Nexø so gar nichts zu bieten, so dass wir auf unsere wenigen Vorräte zurückgreifen mussten. Montagmorgen ist der Wind nahezu eingeschlafen, blauer Himmel und Sonnenschein. Es geht weiter nach Gudhjem, einem der schönsten Häfen, die die Insel Bornholm zu bieten hat. Nach dem Festmachen und dem Einlaufbier wird eine Runde durch den Ort gedreht, Ergebnis: tiefer Winterschlaf, alle Läden und Restaurants sind noch geschlossen, selbst das berühmte Krølle-Bølle-Softis ist noch nicht käuflich zu erwerben.


Aufgrund des schönen Wetters und des passenden, leichten Windes entscheiden wir uns, direkt wieder an Bord zu gehen, um Richtung Christiansø, einer kleinen Inselgruppe im Nordosten von Bornholm zu segeln. Herrlicher Abend, Essen jedoch, wie zu erwarten, musste aus eigenen Vorräten gebrutzelt werden. Am Dienstagmorgen geht es dann weiter bei herrlichem Wind und Wetter Richtung Schwedische Südküste/Hanø-Bucht. Vorgenommen haben wir uns Karlshamn, ca. 50 sm, bei östlichen Winden um 3 – 4 Bft ein angenehmer Kurs, halber Wind, wenig Welle, alles schön – bis dann etwa um die Mittagszeit die ersten Sturmmeldungen über Stockholm-Radio eintrudeln, die dann irgendwann halbstündig wiederholt werden und vor dem Einsetzen des Sturms mit angesagten 8 – 9 Bft. aus östlichen Richtungen warnen.

Für uns ist noch nichts zu sehen, das Segeln bringt noch richtig Spaß! Allerdings kommen erste Diskussionen auf, gerade auch in Anbetracht der Erfahrungen aus unserem ersten Schlag von Sassnitz nach Bornholm. Der Skipper prüft, welche Optionen es gibt und deren sind es nicht viele. Genau genommen würden wir am Abend direkt in das angesagte Wetter hinein segeln, es sei denn, wir würden Richtung Utklippan abdrehen, einem kleinen, felsigen Naturhafen, der auch im Hafenhandbuch als sehr guter Schutzhafen beschrieben wird. Die Entscheidung ist schnell getroffen, so dass wir gegen 18.30 Uhr in Utklippan einlaufen und festmachen, alles noch bei bestem Wetter. Die Tatsache, dass während unseres Einlaufens noch drei schwedische Yachten den Hafen verlassen, haben wir zwar nicht direkt auf uns bezogen, stimmte uns aber zumindest nachdenklich.

Na ja, nun waren wir das einzige Schiff in diesem schönen Naturhafen, der außer ein paar Felsen, unzähligen Seevögeln, einigen Hinterlassenschaften von Fischkuttern vor allem ein echtes Sanitär-Highlight zu bieten hatte: Ein Original-Plumpsklo über dem Gischt umspülten Felsen, mit direktem Abgang – sonst nix.

Das Hafenbecken war mit betonierten Spundwänden befestigt, problemloses Festmachen, auf den ersten Blick zumindest. Utklippan, das erinnert irgendwie an Geschichten wie »Ferien auf Saltkrokan« und ähnlichen, schönen und naturnahen Ferienidyllen. Aber es sollte anders kommen ...


In der Nacht kam er, der Sturm und das mit einer Heftigkeit, die schon beeindruckend war. Zunächst nur das übliche Geheule in der Takelage, dann aber mit sich massiv intensivierenden Schiffsbewegungen im Hafenbecken.

Trotz doppelter Vor- und Achterleinen sowie natürlich Vor- und Achterspring traten Bewegungen im Hafenbecken auf, wie ich sie in dieser Weise noch nicht erlebt hatte. Der Wind blies mit voller Wucht aus Ost, am Morgen zeigte der Windmesser selten weniger als 45 Knoten, entsprechend 9 Beaufort. Die sich enorm auftürmenden Wellen, die durch einen schmalen Kanal zwischen den Felsen vor der Zufahrt zum Hafenbecken schossen, verursachten einen oszillierenden Wasserstand im Hafenbecken, in einer Höhendifferenz von etwa 1,0 – 1,50 m. Das Schiff wurde also jeweils in die Höhe angehoben, um dann Sekunden später wieder die gleiche Strecke herabzufallen. Das führte wiederum dazu, dass das Schiff so stark in die Leinen einruckte, dass man sich kaum halten konnte, an ein gemütliches Bierchen an Bord war somit nicht zu denken. Das war die Nacht von Montag auf Dienstag. Über Tag weiter zunehmender Wind, das ganze bei Außentemperaturen von 5 – 6 °C – herrlich! Über Tag reißen die ersten Leinen, die sofort ersetzt werden müssen.

Zur Nacht binden wir alte Autoreifen, die wohl Fischer hier zurückgelassen hatten, in die Leinen ein, um einen gewissen Dämpfungseffekt zu erreichen. Die Nacht war dementsprechend schlaflos – alle Stunden Leinen kontrollieren, hoffend, dass man auch noch genug Ersatzmaterial an Bord hat!

Tags darauf, am Mittwoch, wütet es immer noch mit gleicher Intensität, wir spinnen das Schiff mit langen Leinen zur anderen Hafenbeckenseite geradezu ein, um die Ruckeffekte weiter zu dämpfen. Trotz aller Bemühungen stellen wir am Mittwochabend fest, dass sich die Klampen langsam aus der Fixierung an Deck lösen. Nachziehen – so gut es geht – ist die Devise.

Was mindestens genauso bedauernswert ist: Bier zu Ende, Essensvorräte bis auf ein paar Snacks aufgefuttert, Sherry und Rum gähnende Leere….

Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag verschärfen wir die Leinenwache, um sich lösende Klampen und reißende Leinen zu kontrollieren. An Schlaf ist an Bord ohnehin nicht zu denken. Dann reißt nacheinander die Vorder- und die Achterleine. Um das Schiff zu halten, wird die restliche Nacht über der Motor zur Hilfe genommen. Es ist Donnerstagmorgen und der Wind bläst weiterhin mit voller Wucht in unseren einsamen Hafen.

Alles ist unverändert, Proviant so gut wie aufgebraucht – Diät-Frühstück. Einer aus der Crew hat an Land noch eine Rolle Nylon-Leine gefunden, die sofort mit in unser Schiffs-Spinnen-Netz eingearbeitet wird. Nunmehr setzt auch noch starker Regen ein, so dass die Crew nachmittags im Salon zusammen sitzt und philosophiert, über dies und das, den Sinn des Lebens im Allgemeinen und den des Segelns auf der Ostsee im Besonderen. Dabei pult einer an der Klappe im Tisch, die normalerweise als Stauraum für Spirituosen dient, – und dann weiß man, was es heißt, man soll sich auch an kleinen Dingen des Lebens erfreuen: aus einem Flaschenfach lugt noch eine Buddel hervor. Augenscheinlich ist die Flasche noch unangetastet und randvoll. Eierlikör, eher unüblich in Seglerkreisen, aber in der größten Not … Leider hat die Flasche etwas anderes vor, denn sie lässt sich nicht herausziehen. Also wird sofort der gesamte Tisch in seine Einzelteile zerlegt und sein Schicksal ist besiegelt. Laut Flaschenetikett ist die Mindesthaltbarkeit bereits seit 2 Jahren überschritten, aber egal, ruck zuck ist die Flasche leer und allen geht es gut, wenn nicht sogar ein bisschen besser.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag lässt der Wind so langsam an Stärke nach, jedoch sind die Bewegungen des Schiffes immer noch bedenklich. Bis Freitagmittag sinkt der Wasserstand im Hafenbecken rapide, ich habe Sorge, dass sich Grundberührungen ergeben können. Obwohl es immer noch mit 7 – 8 Windstärken flott um die Ecke pustet, entscheiden wir uns, diesen gastlichen Ort zu verlassen. Wir bereiten uns sehr gut vor. Sorge bereitet uns die Ausfahrt aus dem Hafenbecken, vorbei an mächtigen Felsen in wenigen Metern Entfernung. Aber alles klappt, bis auf die Reffleine der Rollgenua, die exakt 2 Sekunden nach dem Passieren des letzten Felsens reißt, das volle Tuch freigibt und unweigerlich zu einem Sonnenschuss führt. Glück gehabt, das hätte ins Auge gehen können.

Die Havarie ist trotz Seegangs durch aufopferungsvollen Einsatz schnell behoben, Kurs Karlskrona liegt an. Endlich raus aus diesem Loch! Dieser Hafen ist alles, aber kein wirklicher Schutzhafen. Der Törn nach Karlskrona verläuft relativ unspektakulär, wir freuen uns über die zurückgewonnene Freiheit und haben Hoffnung auf Warmes Essen, Bier und eine heiße Dusche. Gegen 21 Uhr laufen wir in Karlskrona ein, gehen bis ganz hinten in das hinterste Hafenbecken durch, dort entdecken wir einen Schwimmsteg, direkt vor dem örtlichen Clubhaus.

Schiff festmachen, sich aus den Schwimmwesten rauspulen und sofort die 10 m bis zum Clubhaus gelaufen, das gerade schließen will. Aber nach Schilderung unserer Lage lässt uns der Wirt des Seglerheims nicht mit leerem Magen und ausgedörrten Kehlen auf dem Steg zurück. Wir bringen Heiners Kreditkarte zum Glühen und haben einen fantastischen Abend.

Samstag um 12 Uhr ist Crewwechsel, bis dahin muss ich noch ungefähr 80 m neue Festmacherleine besorgen ...Utklippan – so schnell wirst du mich nicht wiedersehen!   

 

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